6. Musikalische Merkmale des Reggae:

6.1. Metrik und Rhythmik:

Reggae-Songs stehen durchweg im 4/4-Takt. Die Spannung besteht also nicht in metrischen Wechseln, sondern in der polyrhythmischen Bearbeitung eines, an sich durchgängigen, Grundmusters. Dabei bilden die verschiedenen Instrumente bzw. Instrumentengruppen „zuwiderlaufende Bezugssysteme“, indem sie unterschiedliche Betonungsschwerpunkte setzen.

Beim ursprünglichen Reggae-Schlagzeug fällt auf, dass die Zählzeit 1 nicht betont wird. Der typische Reggae-Grundschlag hat den Betonungsschwerpunkt auf der Zählzeit 3 und wird meist von Bass- und Snare-Drum ausgeführt:

     Das Hi-Hat betont in der Regel die Afterbeats auf den Zählzeiten 2 und 4, die von Gitarre und/oder Keyboard gespielt werden. Die Snare-Drum wird oft

improvisiert eingesetzt, wobei der Anschlag teilweise als „rim-shot“ erfolgt,

das heißt Fell und Schlagzeugrand werden gleichzeitig angeschlagen. Diese rim-shots wirken meist sehr dezent.

     Im neueren Reggae ist allerdings erkennbar, dass das Schlagzeug immer mehr der Rock- bzw. der Disko-Drum angepasst wird. Sly Dunbar, der bedeutendste Reggae-Drummer, spielt oft ein und denselben Grundrhythmus. Das besondere liegt hierbei darin, dass der Snare-Schlag eine Sonderbetonung durch starke Verhallung bzw. durch Klangmodifikation über einen Schlagzeug-Synthesizer erhält. So ist sowohl eine starke Zählzeit 1, als auch eine besonders markante Zählzeit 3 gegeben.

     Die durchgängigen Afterbeats werden von der Rhythmusgitarre und/oder einem Keyboard ausgeführt. Es gibt sowohl einfache, meist extrem stakkatierte Nachschläge als auch Achteldoppelschläge bzw. Punktierungen.

     Oft wird ein Bassdreiklang mit der linken Hand auf der Orgel gespielt, während die rechte Hand ein Klavier oder ein Clavinet bedient. Dieser Bassdreiklang bildet Achtel-Afterbeats, die ähnlich wie beim Ska den Stücken einen bestimmten Swing verleihen. Allerdings sind sie meist nur sehr schwach. Dennoch würden man ihr Fehlen bemerken.

     Die Nutzung moderner Studiotechnik und die Experimentierfreudigkeit der Reggae-Produzenten führt manchmal zu einer Art „Zufallsrhythmik“.

6.2. Melodik:

Im Grunde kann man aus fast jeder Melodie des Pop-Bereichs einen Reggae konstruieren. Es ist nicht möglich eine allgemeine Definition der Reggae-Melodik zu erstellen, da die Reichweite vom Sprechgesang bis hin zur Kunst der melodischen Verzierung (Melismatik) zum Beispiel von Ijahman reicht.

Trotzdem gibt es ein paar Bestandteile der Melodik die nahezu überall vorhanden sind:

     Als typisches afrikanisches Element gilt die Vermeidung größerer Tonschritte. Man benutzt oft Sekundintervalle und bleibt lange auf einem Ton stehen. Phrasenanfänge hingegen können größere Intervalle sein, oft sind es Quinten. Vor allem bei Sängern, die sich stark der afrikanischen Kultur verpflichtet fühlen, offenbart sich dies in der Melodik. Dabei wird oft eine pentatonische Tonleiter bevorzugt. Dies ist zum Beispiel bei Dillingers „Trial Crosses“ der Fall:

     Ab und zu kommen auch mal Blue Notes vor. Sie haben aber im Reggae längst nicht den Stellenwert wie im Blues.

6.3. Harmonik:

Ähnlich wie in der Rockmusik scheint der Trend immer mehr zu einfachen Harmonisierungen zu gehen. Viele Reggae-Songs beschränken sich auf die Verwendung von zwei Akkorden. Beliebte Verbindungen sind:

     Von I nach IV. Die Subdominante wird der Dominante als Gegenpart zur Tonika vorgezogen. Ein Beispiel dafür ist Bob Marleys Song „Lively Up Yourself“. Der harmonische Ablauf besteht in dem taktweisen Wechsel von D-Dur und G-Dur:

      Von I nach VIIb. Das nächste Beispiel ist „Old Marcus Garvey“ von Burning Spear. Es ist durch den Wechsel der ersten Stufe (G-Dur) mit dem der erniedrigten siebten Stufe gebildeten Dur-Akkord (F-Dur)gekennzeichnet:

 

      Von I nach VI. Der zweitaktige Wechsel von C-Dur nach a-moll bestimmt das folgende Beispiel von Bob Marley „Cry To Me“:

 

      Von I nach VII. In Bob Marleys Song „War“ lässt sich ein taktweise erfolgender, harmonischer Wechsel zwischen b-moll und As-Dur beobachten:

     Vor allem die Verbindungen in den Beispielen 2 und 4 sind im stark afrikanisch betonten Roots-Reggae vorherrschend. Dem melodischen Prinzip, größere Intervalle zu vermeiden, entspricht die Tendenz, Akkorde zu gebrauchen, deren Grundtöne nur einen Ganzton auseinanderliegen. Hierbei spielt sicherlich auch die Barrée-Technik[1]  auf der Gitarre eine große Rolle, die solche Akkordverbindungen ohne große Schwierigkeiten erlaubt.

Einigen kommt diese einfache Harmonisierung sicher primitiv und langweilig vor, aber man darf nicht vergessen, dass der eigentliche Reiz des Reggae auf der rhythmischen Verschränkung der verschiedenen Stimmen beruht und eine differenzierte Harmonisierung eigentlich gar nicht braucht.

Ältere Titel orientieren sich noch stark an Pop- und Beat-Schemen.

Bob Marley verwendet in seinem Song „How Many Times“ die bekannte Folge I VI IV V.

 

      Im harmonischen Bereich unterscheidet sich der Reggae von anderen Arten der bluesbezogenen populären Musik, wie auch von seinem Vorläufer, dem Ska, durch die häufige Verwendung von Moll-Akkorden. Man kann es so deuten, dass durch die Verwendung, die oft ernsten und nachdenklichen Texte verstärkt werden sollen. Obwohl Moll nicht immer gleich traurig oder melancholisch sein muss. Ausgefeiltere Akkorde aus dem Jazz-Bereich kommen selten vor.

     Es entstehen interessante Gebilde, wenn eine Melodiefloskel erst im Nachhinein durch die Afterbeats harmonisiert wird. Ein Beispiel dafür ist der Refrain von Bob Marleys „Roots Rock Reggae“:

 

6.4. Form:

Die meisten Reggaes sind Strophenlieder. Ein idealtypisches Beispiel für den formalen Aufbau von Reggae-Songs ist „Roots Rock Reggae“ von Bob Marley.

Strukturanalyse zu diesem Titel:

Min.: Sek. Abschnitt Bemerkungen
Schlagzeug-Intro kurze Floskel auf den Timbales
0: 02 harmonischer Durchgang von Klavier und Orgel getragen; die das gesamte Stück durchgehende harmonische Folge
B-/E-/B-/F#-wird vorgestellt
0: 15 Refrain   insgesamt 16 Takte, unterteilt in die viertaktigen Gruppen a a a’ a’ Call- and-response-Prinzip: Dem call des Lead sängers “Play I some music” bzw. “Roots Rock Reggae” folgt der response der back-up-group “This ’a Reggae music”, der hier noch vom Leadsänger mitgetragen wird
kurze Orgeleinwürfe
0: 43 Strophe 1 programmatischer Text über Reggae
Saxophon-fill-ins
1: 10 Refrain
1: 37 Strophe 2 dem call-and-response-Prinzip ähnlicher Ablauf zwischen Leadsänger, Leadgitarre und Chor
2: 05 Refrain
2: 32 Solo (Saxophon) mit Chor-response, 8 Takte lang
2: 46 Strophe 2 erste Hälfte der zweiten Strophe
3: 02 Refrain erste Hälfte des Refrains
3: 13 Solo (2 Gitarren) stereophone Verteilung
bis 3:35   Ausblenden   [2]


     Der formale Aufbau ist: Schlagzeug-Intro - harmonischer Durchgang - Refrain - Strophen - Soloparts. Dieser Aufbau ist typisch, wobei eine 8- bzw. 16-taktige Aufteilung, in Viertaktgruppen strukturiert, vorherrscht.



[1] Quergriff; Ein Finger wird quer über die Gitarrensaiten gelegt, um eine Verkürzung der schwingenden Saiten zu erzielen.

[2] Aus: Kunz, Wolfgang.  Reggae: Kult, Kritik und Kommerz.  Hg. Helms, Rebscher und Zimmerschied.  Materialien zur Didaktik und Methodik des Musikunterrichts 14.  Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, 1986.

 

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